Aktuelles

Seit dem Juli 2012 befinde ich mich in der passiven Phase der Altersteilzeit, seit März 2015 in Rente - das heißt, ich muss nicht mehr arbeiten! Hurra!!
Seitdem reise ich viel, insbesondere nach Spanien und Südamerika, um dort die Sprache zu lernen. In der Türkei - auch zum Sprachelernen - war ich schon - und in China ohne die Sprache zu lernen. Vielleicht ergibt sich ja aus diesen Reisen etwas, welches mich ernsthafter beschäftigt.
Einen Blog zum Reisen gibt`s auch von mir - www.Dietmar2015.blogspot.de

Auch meine Theateraktivitäten haben sich ausgeweitet. Mit dem Atelier-Theater Riehen war ich mit "3 Männer im Schnee" und "My Fair Lady" schon auf Tournee, mit der Volkskunstbühne Rheinfelden hab ich zusammen mit Pia im Sommer 2015 "Das Feuerwerk" inszeniert, und ebenfalls mit Pia schon so einige Auftritte mit unseren poetisch-musikalischen Programmen hingelegt.

Zusammen mit Tina Zimm und Pia Durandi haben wir im Sommer 2015 ein Krimiprogramm "Der Falsche Lord" rausgebracht und im Frühjahr 2017 zweimal erfolgreich aufgeführt.

Im Herbst 2017 darf ich  noch mal "Die Abendstunde im Spätherbst" in Neuauflage spielen, ein zwei Personen Stück von Friedrich Dürrenmatt, bei dem ich auch Regie geführt habe.

Ach ja, und neuerdings mache ich Interviews für INFAS und Schulbegleitung für die Lebenshilfe Lörrach. Einen Film beim Filmpool für RTL im Rahmen der Verdachtsfälle hab ich im Oktober 2017 gedreht und über den Jahreswechsel 2017/18 fahren Pia und ich in die Antarktis.

Ihr seht, es gibt einiges zu tun ....

Bis zum Schwarzen Meer

12. Juni 2014

Ich hatte wohl schon erwähnt, dass wir jetzt am schwarzen Meer gelandet sind im stilvollen Amazon Hotel. Inwieweit das mit dem gleichnamigen Online Versand Handel zusammen hängt hat sich mir noch nicht erschlossen. Es werden uns jedenfalls keine Bücher oder Schnäppchen offeriert, sondern wir haben es mit einem direkt am Meer und der daran entlang führenden Schnellstrasse liegenden Hotel zu tun, welches uns mit einem Superabendessen verwöhnt hat.
Danach sind wir zu viert nochmal mit Dolmus in die Stadt gedüst, um das Nachtleben herauszufordern. Hatte ich schon was über's Dolmusfahren erzählt?
Es handelt sich um Sammeltaxis, meist Kleinbusse,in denen bis zu 30 Personen einen knappen Platz finden. Dolmus heißt übersetzt “der wartet, bis er voll ist“,und so kann es einem passieren, dass man etwas warten muss, bis er losfährt. Aber meistens fährt er ja schon. Man stoppt ihn per Handzeichen am Straßenrand und bezahlt den Obulus von 2 TL, egal, wie lange man unterwegs ist. Und das geht so: Der neu eingestiegene Fahrgast reicht von seinem Platz irgendwo im Bus Geld nach vorn meist über die hilfreichen Hände der Mitreisenden und bekommt das Wechselgeld auf dem gleichen Wege zurück. Das klappt immer. Nie geht etwas verloren. Immer bekommt der Fahrer sein Geld. Ali hält das für selbstverständlich, ich halte das für eine enorme Leistung im Sozialverhalten.
Ebenso erstaunlich finde ich, wie geduldig sich die Türken in lange Warteschlangen an den Bushaltestellen einreihen und jegliches Drängeln verpönt ist. Das kenne ich von Deutschland anders. Vor allem, wenn man bedenkt,wie eng es in den Bussen zugeht. So eng manchmal,dass das Schlangenende auf den nächsten Bus warten muss.
Das Nachtleben in Giresun hat sich nicht lang herausfordern lassen. Um 10 Uhr wurden die Bürgersteige hoch geklappt, und es war gar nicht so einfach, noch irgendwo ein Bier zu trinken.
Überhaupt habe ich den Eindruck, dass je näher wir der Ostgrenze der Türkei kommen, desto weniger Efes-Schilder zeigen Gaststätten an, in denen Alkohol konsumiert werden darf. Ich habe mir noch eine Flasche besorgen können, mit der ich jetzt das WM Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien geniessen will....

Wieder unterwegs

12. Juni 2014

.....seit Dienstag bin ich wieder unterwegs. Es fing mit einem Irrtum an. Das Siyav-Hotel hatte ich im Internet nicht gefunden. Daraufhin beschlossen, es müsse wohl das Savis-Hotel sein. Ali hatte ich gebeten, mich nicht zum Hotel zu begleiten. Ich wolle das allein schaffen. Als sie im Savis-Hotel nicht English sprachen und von einer Reservation nichts wussten, musste ich ihn dann doch per Telefon ganz schnell zu Hilfe holen. Das Siyav-Hotel-Hotel gab's dann plötzlich doch im Internet, und ich konnte es sogar zu Fuss erreichen.
Von der Reisegruppe aus Lörrach noch keine Spur. Die kamen erst nachts um 2 Uhr ins Hotel, weil sie den Anschluss-Flug in Istanbul nach Ankara verpasst hatten. Am nächsten Morgen dann freudige Begrüßung. Die Gruppe ist wirklich nett und der Reiseleiter Ibrahim gut informiert, fürsorglich und stets gut gelaunt. Da macht das Gruppenreisen Spass!
Wir haben aber auch wirklich tolle Dinge gesehen bisher. Am Dienstag ging's von Ankara über Hattuscha nach Amasya. Am zweiten Tag über Ballica und Tokat in ein türkisches Thermalbadehotel auf dem Land, und heute am dritten Tag sind wir in Giresun am Schwarzen Meer gelandet.
Schon am ersten Tag fiel mir auf, wie abwechslungsreich, grün und gepflegt die Landschaft aussah. Hatte ich nicht so erwartet nach dem, was mir Ali erzählt hatte, und was ich von meiner Türkeireise im Jahre 1986 noch in Erinnerung hatte. Die Landschaft war nicht karg und gelbbraun, sondern grün-gelb und vielfach bewirtschaftet. Die Strassen in ausgezeichnetem Zustand, alles wirkte wie von einem großen Aufbruch erfasst. Auch Ibrahim zeichnete ein euphorisches Bild von der modernen Türkei und ihrem großen Staatsmann Erdogan. Bei ihm habe ich es erstmals mit einem richtigen Erdogan-Fan zu tun. Ich sehe die Türkei nun durch zwei Linsen, die meines Gastfreundes Ali und die meines Reiseleiters Ibrahim. Wahrscheinlich haben beide in ihrer Art recht. Nur dass sich die Meinungen diametral gegenüberstehen.
Was ich aber aus eigener Anschauung sagen kann, ist, dass es wirklich hübsche Landschaften und Städte gibt, wie Amasya, welches herausgeputzt ist wie Rüdesheim oder andere Touristenstädtchen. Dabei gibt es gar nicht so viel Touristen. Ich habe kaum welche gesehen.
Jetzt sind wir nach einer abenteuerlichen Fahrt durch das Pontische Gebirge in Giresun. Alles ist grün. Überall Haselnussbäume. Angeblich werden zwei Drittel der Welthaselnüsse hier geerntet. Eine Chance zum Baden im Schwarzen Meer hatte ich bisher nicht. Das Wetter und das Wasser sind so ungastlich, dass ich wahrscheinlich auf einen Sprung hinein verzichten werde. Schaun mer mal....

Politik und Kneipen

09. Juni 2014

Nun ist also wirklich der letzte Tag meines Ankara-Aufenthaltes angebrochen. Ich sitze noch einmal im Goethe-Institut und geniesse die Annehmlichkeiten dieses Ortes - freien Internetzugang und einen ruhigen Arbeitsplatz! Draussen rauscht der Verkehr auf dem sechsspurigen Atatürk Bulvari vorbei und Unmengen von Fussgängern tapern die Trottoirs entlang. Warum bewegen die sich nur den ganzen Tag?
Ich dagegen geniesse die Ruhe der Bibliothek und habe auch das kleine Cafe inzwischen schätzen gelernt, in dem ich einmal sogar mit einer Mohnschnecke verwöhnt wurde.
Die letzten Tage waren schon Abschied nehmen und noch mal Eintauchen in das geschäftige Leben der Großstadt. Es mussten noch Geschenke besorgt werden, Ali lud mich zusammen mit seiner Freundin in ein hübsches Lokal ein, und immer wieder hieß es: Ja, das ist jetzt das letzte mal!!
Ich wurde gefragt: Wie waren denn die Tage in Ankara für dich?
Auf jeden Fall anregend, ich habe viel Neues kennengelernt. Auch behaglich im Sinne eines guten Aufgehobenseins in meiner Gastfamilie. Dann aber auch anstrengend, weil das Leben hier in der Großstadt für mich manchmal zu laut war, weil meine Sprachkenntnisse mit meinen Kommunikationsbedürfnissen nicht Schritt halten konnten, und weil ich letztlich immer selber gefordert war, etwas aus meiner Zeit zu machen.
Jetzt wird sich das ja ändern. In der Reisegruppe hoffe ich auf das Rundum-Sorglos-Paket, bei dem ich dauernd mit Infos gefüttert werde. Na, schaun mer mal.
Das Essen mit Ali und Eli verlief recht angenehm. Obwohl Eli kein Deutsch spricht und Englisch auch nur bruchstückhaft, haben wir uns trotzdem gut unterhalten. Wir hatten einen ausgezeichneten Vorspeisenteller (Meze nennt man das hier), von dem ich allein schon satt geworden worden wäre, und dannach gabs noch ein köstlich gegrilltes Lammgericht, mit dem wir uns dann endgültig die Bäuche vollschlugen. D.h. eigentlich waren es wohl eher Ali und ich, die sich die Bäuche vollschlugen, Eli musste diäthalber ihre Nahrungszufuhr begrenzen. Dazu tranken wir eine ganze Flasche Raki.
Später trafen wir dann noch Atla, einen Übersetzerkollegen von Ali, mit dem wir in einer Bierkneipe versackten. Mit Atla gerät man immer in politische Diskussionen. Diesmal verstieg er sich zu der Behauptung, dass der radikale Islam vom Westen gesponsert würde. Nur durch die hohe Aufmerksamkeit z.B. in Deutschland hätten sich die Moslems in den Islamschulen in Deutschland so radikalisiert.
Eine psychologisch nicht uninteressante These, gewiss, dennoch sollte man Psychologie nicht mit Politik verwechseln, und ich musste an dieser Stelle natürlich heftig widersprechen. Der radikale Islam als Ziehkind des Westens?
Auch Ali konfrontierte mich mit einem Verdacht: Ob der Westen nicht insgeheim die Politik von Erdogan unterstütze und die Opposition in ihrem Kampf um Demokratie in der Türkei allein lasse?
Ich versicherte ihm, dass der Westen zwar an stabilen Verhältnissen in der Türkei interessiert sei, dass die AKP aber von Türken und nicht von Deutschen gewählt werde.
Ich habe viel in diesen Tagen diskutiert, so viel, wie lange nicht mehr. Ich habe auch viel Neues erfahren.
Die Separationsbestrebungen der Kurden z.B. sind immer noch ein heisses Thema, welches schnell in Gewalt umschlagen kann. Die PKK hält nur still, weil Erdogan ihr Versprechungen gemacht hat, an die er sich jetzt aber nicht hält. Es könnte bald wieder heisser werden im Kurdenkonflikt.
Ali, obwohl sich selbst zum modernen und aufgeklärten Bevölkerungsanteil der türkischen Aleviten zählend, bewahrt ein ganz traditionelles Männerbild. Er als Gastgeber hat zu bezahlen, wenn wir in eine Kneipe gehen. Es braucht regelrechte Kämpfe, damit ich auch einmal die Zeche übernehmen darf. Auf keinen Fall darf die Freundin zahlen, obwohl sie finanziell wahrscheinlich besser gestellt ist als Ali.
Auch die Höhe des Gastgeldes, welches ich für meinen Aufenthalt in der Familie und die sprachliche Unterstützung durch Ali bezahlt habe, wurde arabisch ausgehandelt. Über Geld wurde nicht geredet, ich war einfach nur Gast. Gleichzeitig wurde ich mit allen Annehmlichkeiten verwöhnt. Als ich mich dann schließlich entschloss, einen Vorschlag für die Höhe des Kostgeldes zu machen, geschah dies in einer Situation großer Unsicherheit über die Angemessenheit des Preises. So weiß ich auch jetzt nicht, ob der Preis in Ordnung ist, ob ich großzügig gezahlt habe, oder ob er als zu gering angesehen wird. Das scheint mir das orientalische Prinzip des Handels zu sein: Freundschaft und Handel wird in einen Topf geschmissen, heraus kommt ein Mischmasch unklarer Freundschafts- und Wirtschaftsbeziehungen.

Es sind diese Erinnerungen, die mir von meinem Aufenthalt in Ankara bleiben werden. Noch etwas: So viel gebloggt hab ich überhaupt noch auf keiner Reise. Na ja, es war auch eine gute Möglichkeit, mich vom Türkisch-Lernen abzuhalten.

Tristesse und Islam

06. Juni 2014

.... es regnet immer noch. In Mamak haben wir mittlerweile wieder Wasser - in der Leitung, und Regenwasser gibt's auch in Hülle und Fülle. Zunächst war's noch mal aufregend.
Als wir am Mittwoch um 24 Uhr so wie üblich nach Hause kamen, wurde Ali auf der Treppe von einer Nachbarin angesprochen. Es ging um was Ernstes, das konnte ich dem Mienenspiel der beiden entnehmen. Den genauen Inhalt des Gesprächs erfasste ich nicht. Aber dann sah ich das Malheur: Im Keller stand das Wasser mehrere Zentimeter hoch.
Von Ali erfuhr ich dann, dass bei der Wiederinbetriebnahme der Wasserleitungen der Druck so hoch war, dass eine Leitung im Keller geplatzt war. Also wieder eine Nacht ohne Duschen!

Der Hausmeister gesellte sich kurz darauf zu uns. Wir waren gerade beim Nachtessen. Ich bot ihm ein Bier ein. Er wollte mich daraufhin gleich zu sich einladen. Das ließ sich dann aber doch noch abwenden. Mir war etwas unbehaglich bei dem Gedanken, einen ganzen Abend diesen unverständlichen türkischen Sprachbrocken ausgeliefert zu sein.
Seit Donnerstag morgen funktioniert die Wasserversorgung in Mamak wieder. Was für ein Segen, so eine gründliche Dusche am Morgen!! Ich lief also mit deutlich besserem Körpergefühl zu meinem Goethe-Institut, um dort die Lern-Prozedur fortzusetzen. Lernen ist langweilig, wenn man alleine lernen muss. Natürlich hab ich das Sprachtraining mit Ali. Aber allzuoft will ich ihn auch nicht bemühen. Außerdem ist die Anwesenheit einer Lehrerperson etwas, was ich nur begrenzte Zeit am Tag aushalte. Immer wird einem die eigene Unfähigkeit und die Überlegenheit des anderen demonstriert. Das ist zuviel für mich.

Mit Ali führe ich viele politische Gespräche. Obwohl selber Muslim, ist er der Ansicht, dass der Islam in seinem Kern eine gewaltsame Religion sei. Zwar gebe es in der Geschichte Zeiten relativer Friedfertigkeit, doch habe sich dies immer in dem Moment geändert, in dem der Islam zur beherrschenden Macht wurde. Das Ganze sei im Koran nachzulesen. (Kann ich natürlich leider nicht). Mohammed habe solange zur religiösen Toleranz aufgerufen, solange er sie nötig hatte. Im Moment des Erstarkens seiner Religion seien andere Religionen unterjocht worden.
Er sieht die zunehmende Islamisierung im eigenen Land, aber auch unter den Türken in Deutschland, sehr kritisch. Er meint, dies sei ganz wesentlich eine Frage des Geldes. Der Islam werde von den reichen arabischen Staaten gesponsert. Der große zur Schau getragene Luxus in den Golf-Staaten zusammen mit der Behauptung, der Islam sei die allen anderen Religionen gegenüber überlegene Glaubensrichtung, führt zu einem vermeintlichen Selbstbewusstsein der Muslime im Sinne von: Wenn wir schon arm sind, dann haben wir zumindest die bessere Religion.
Er sieht die Situation der Türken in Deutschland so, dass sich ein Teil dieser Einwanderer, der alewitische Teil, um Integration bemüht, und dass der andere islamisch gesinnte Teil durch Hassprediger immer weiter auf den Weg des Hundes gebracht wird, der die Hand beißt, die ihn füttert.
Er hat kein Verständnis für eine Haltung mancher türkischer Einwanderer, die sich nach der Türkei als einem Hoffnungsland sehnen, obwohl sie teilweise schon länger als 40 jahre in Deutschland leben.
Er mahnt Integration weniger als Bringschuld des deutschen Staates sondern als Soll-Leistung der türkischen Mitbürger an, die zu den Konsequenzen ihres Tuns stehen sollten. Wenn sie in Deutschland Geld verdienen und die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben, dann sollen sie sich auch als deutsche Bürger aufführen und nicht die ewig unglücklichen Sehnsuchtstürken bleiben, die im Spagat zwischen Heimat und Fremde im Islam untergehen.

Meine Eingliederung in die deutsche Reisegruppe wird erst am Montag stattfinden. Ich hatte mich im Tag vertan. Da ich am Sonntag Abend hier angekommen war, hatte ich angenommen, die Reisegruppe würde einfach drei Wochen später eintreffen. Ist aber nicht so. Jetzt hab ich noch einen Tag länger zum Türkisch-Lernen. Allmählich reichts mir. "sikilmak" heißt langweilen, und so gehts mir allmählich. Ankara bietet wirklich nicht viel an touristisch Interessantem. Und so sitze ich den ganzen Tag im Goethe-Institut herum und starre den Bildschirm an, um mein Babbel-Lernprogramm durchzuziehen. (Ich bin guter Hoffnung, bis zum Ende meines Aufenthalts den gesamten Türkisch-Kurs absolviert zu haben.) Oder ich mache krampfhaft Grammatik-Übungen. Und draußen regnet's unaufhörlich!!
Ich hab jetzt herausgefunden, dass es im Goethe-Cafe auch einen Fernseher gibt mit deutschem Programm. Da kann ich dann mal Nachrichten oder Fussball gucken. Darf ich mir als Rentner doch auch mal leisten, oder? .....

Wassermangel und Regen

04. Juni 2014

Jetzt haben wir in Mamak seit drei Tagen kein Wasser mehr! Also kein Wasser aus der Dusche, dem Wasserhahn und der Toilette. Natürlich können wir im Geschäft Wasser kaufen zum Trinken. Das nehmen wir dann auch zum Zähneputzen.
Heute hab ich erstmals mit diesem Wasser eine Spar-Duschung vorgenommen. Zwei Liter müssen reichen fürs Einseifen und Seife abwaschen. Das ist ganz schön knapp!
Die Istanbuler Stadtverwaltung nimmt das Problem ziemlich gelassen. Wenn man überlegt, wie das in Deutschland wäre: ca. 150 000 Personen ohne fließendes Wasser!!!
Angeblich soll es heute im Laufe des Tages wieder fließen. Na, schaun mer mal.
Gestern bin ich deshalb ins Hamam gegangen. Eigentlich hatte ich ein bisschen Bammel davor. Meine Türkisch-Kenntnisse können mir noch nicht so viel helfen, und da ich ohne Brille auch so gut wie blind bin ...
Also, ich habs gut überstanden! Alles in allem hat mich der Spass ungefähr 15 € gekostet. Dafür gabs eine Dampfsauna, und eine Einseifung mit Ganzkörpermassage. Mein Masseur hat mir die Haut in Streifen abgerieben und war sehr stolz auf sein Werk. Hinterher wollte er ein kleines Bakschisch, was ich ihm gegeben habe. Angeblich kann die Haut jetzt wieder besser atmen. Ich spüre so richtig, wie sie Luft ansaugt.
Heute sitze ich wieder im Goethe-Institut und freue mich darauf, dass sich meine Zeit in Ankara dem Ende zuneigt. Die Anfangs-Euphorie ist verflogen. Auch im Türkischen muss ich einsehen, dass ich nach drei Wochen Türkisch-Lernen von Sprachbeherrschung noch weit entfernt bin. Wenn tatsächlich irgendjemand mit mit Türkisch redet, was nur selten vorkommt, dann verstehe ich nur Bahnhof. Was die Bildung eigener Sätze angeht, so kann ich mittlerweile mit Hilfe des Wörterbuchs einen Satz bilden, der einen Wunsch von mir oder eine Frage ausdrückt. Ich werde dann auch im Allgemeinen verstanden. Gestern hat mir jemand attestiert, dass ich eine gute türkische Aussprache habe!!!
Aber an ein Gespräch ist gar nicht zu denken. Und die gelernten Vokabeln entfernen sich schneller aus meinem Kopf, als ich sie aussprechen kann.
Das Wetter ist leider auch nicht so toll. Mit Regen muss immer gerechnet werden. Da macht Fahrradfahren wenig Spass. Na ja, ab nächste Woche fahr ich mit dem Kleinbus.

Gesichter von Ankara

03. Juni 2014

.... seit einigen Tagen regnet es in Ankara. Völlig ungewöhnlich für diese Zeit sagen die Einheimischen. Normaler weise ist es Anfang Juni heiß und trocken. Ich nutze das schlechte Wetter, um mit dem Bus durch die Stadt zu gondeln. Eine Stunde Stadtrundfahrt für zwei TL, ca. 0,70 €. Da lacht mein Schnäppchen-Herz.
So wahnsinnig viel gibt es beim Busfahren allerdings nicht zu sehen. Ankara ist eine Häuserwüste. Überall stehen dichtgedrängt mehrstöckige Häuser nebeneinander. Auf der Strasse reihen sich Geschäfte aneinander und unzählige Menschen erzeugen ein Gewimmel.
Zumindest ist es so in der Innenstadt. In den Außenstädten ändert sich das Bild. Das Menschengewimmel wird weniger und je nachdem ändern sich auch die Häuser. Während nach Osten zu alle Hügel mit mehrstöckigen Wohnblocks übersäht sind (siehe einen früheren Blogeintrag), liegen im Süden die Reichenviertel und im Westen ein modernes Hochhausviertel.
Dort in der Shopping Mall "Armada" kaufen die Reichen und die Schönen ein. Hier könnte man auch in jeder anderen Metropole der Welt landen. Alles in weiß, mit Marmor, Teppichen und Gold ausgelegt!
Ich war erstmals am Freitag dort hingekommen zusammen mit anderen Studenten aus meiner Türkisch-Klasse, um ein Jazz-Konzert anzuhören. Wegen des Regens musste das Konzert ins Kaufhaus verlegt werden. Das tat dem Ganzen aber keinen Abbruch. Die Musik war gut und das Ambiente beeindruckend. Ich hab mal ein Foto gepostet, damit ihr seht, wie's war.

Am Samstag, als gerade mal die Sonne schien, hab ich mich mit dem Fahrrad aufgemacht, um den Cankaya-Hügel zu erklimmen. Das ist dort, wo die Botschaftsangehörigen wohnen. Längere Zeit sass ich in einem Park und genoss den Blick über Ankara, bevor ich mich wieder ins Strassengewühl stürzte. Es geht also auch anders!!
In meiner Türkisch-Klasse ist eine Schülerrevolte ausgebrochen. Ob das mit der allgemeinen Spannung in der Türkei zu tun hat?
Unsere Türkisch-Klasse scheint ein Experiment für die Schule zu sein. Sonst gibt es da nur Englisch-Kurse. Und die werden auch gut besucht. Unsere Türkisch-Klasse ist dagegen so ein kleines Exoten-Häuflein von hier ansässigen Europäern, die bei teils mehrjährigem Aufenthalt ein bisschen von dem verstehen wollen, was um sie herum vorgeht. Allerdings üben sie alle anspruchsvolle Berufe aus in Botschaften oder internationalen Projekten, die ihnen wenig Zeit lassen zum Türkischlernen. Diese wenige Zeit allerdings wollen sie gerne sinnvoll nutzen.
Diesem Häufchen anspruchsvoller Freizeitlerner steht eine überforderte Lehrerin gegenüber, die in ihrer Not den Unterricht auf Englisch abhält, weil sie anders gar nicht verstanden werden würde. Im Englischen aber ist ihr jeder Lernende haushoch überlegen, und das lassen sie die Lehrerin auch spüren.
Die Arme, die doch eigentlich Autorität ausstrahlen soll, wird durch dieses Spracharrangement zum Underdog und die Lernenden werden zu hochnäsigen, besserwisserischen Studenten, die schließlich der Lehrerin Unfähigkeit vorwerfen.
Und sie haben in ihrer Kritik sogar recht! Das Lehrbuch ist für den Kurs ungeeignet, die Lehrerin hält sich außerdem nicht daran, versucht sich stattdessen in ungeeigneten Lehrmethoden und zieht so vermehrt Kritik auf sich.
Gestern kulminierte das Ganze zu einem offenen Misstrauensantrag: Wenn sich der Unterrichtsstil nicht ändert, werden die Studenten den Kurs nicht weiter besuchen!
Mir kann es egal sein, habe ich doch morgen meinen letzten Unterrichtstag. Am Sonntag trifft meine Reisegruppe ein, und dann gehts mit dem Kleinbus los zu den historischen Stätten im Nordosten der Türkei und an die Schwarzmeerküste.....

Tränengas und Wasserausfall

03. Juni 2014

Seit gestern gibt es in Mamak, dem Ortsteil von Ankara, in dem ich wohne, kein Wasser. Gülhan hat es zum Glück rechtzeitig bemerkt, als der Wasserhahn nur noch tröpfelte, und hat den letzten Rest Wasser in großen Kanistern aufgefangen, aus denen wir uns jetzt bedienen. Heute gehe ich für eine ausführliche Waschung ins Hamam. Bis dahin stinke ich vor mich hin!
Ob die plötzliche Wasserknappheit etwas damit zu tun hat, dass die Polizei am Samstag so ausgiebigen Gebrauch von ihren Wasserwerfern gemacht hat?
Am Samstag war nämlich Jahrestag der Gezi-Park Proteste, in dessen Verlauf bisher neun Menschen zu Tode kamen. Die Schuldigen wurden bisher von keinem Gericht zur Rechenschaft gezogen. Auch dies war ein Grund, warum die kritische Öffentlichkeit in der Türkei Protestdemonstrationen angekündigt hatte. Erdogan wiederum hatte vorsorglich den Gezi-Park in Istanbul und benachbarte Plätze von über 20000 Polizisten sperren lassen. Es kam trotzdem zu Demonstrationen und gewaltsamen Zwischenfällen.
Ich wurde am Samstag in Ankara zufällig Zeuge eines solchen Zwischenfalls.
Ich verließ kurz vor 19 Uhr zusammen mit Ali sein Büro ganz in der Nähe des Kizilay. Auf der Strasse sah ich ein Trüppchen von etwa 30 munteren MLern, rote Fahnen schwenkend zum Kizilay meydan ziehen. Als wir uns dem Platz näherten, sahen wir, dass sich dort schon eine große Menschenmenge versammelt hatte.
Urplötzlich traten auf der anderen Seite des Platzes die Wasserwerfer in Aktion, und die Menge vor uns trat den Rückzug an. Augenblicklich entstand eine Panik. Alles lief und flüchtete, um den Wasserwerfern zu entkommen. Wir wurden mit in den Sog der Menge hineingerissen. Ali zog mich am Arm in ein Kaufhaus hinein, dessen Türen sich sofort nach uns schlossen. Im Kaufhaus hatten sich schon mehrere Flüchtende versammelt. Sie husteten und wischten sich Augen und Nasen, denn unter das Wasser hatte die Polizei ein Reizgas zugemischt.
Unter den Anwesenden herrschte Ratlosigkeit. Auf die Strasse konnten wir nicht. Das Kaufhaus hatte aber keinen anderen Ausgang.
Schließlich öffneten sich nach 15 Minuten wieder die Türen des Kaufhauses. Wir konnten hinausgehen. Vom Protest war nichts mehr zu sehen. Ali erzählte mir später, dass die Proteste anderenorts noch weitergegangen waren.
In dem Moment der Massenflucht und der Schutzsuche im Kaufhaus erlebte ich, wie hilflos ich der Übermacht der Staatsgewalt gegenüber war. So etwas hatte ich seit meiner Studentenzeit nicht mehr erlebt......

Technical Problems und kein Ende

29. Mai 2014

Es ist wirklich wahr: Die eigenen Probleme nehm ich immer mit!!
Jetzt bin ich grad mal 10 Tage in Ankara, hab mich an meiner türkischen SIM Card gefreut, und über die Möglichkeit, jederzeit telefonisch und per mail erreichbar zu sein, da gibt meine SIM Card plötzlich den Geist auf, und ich merke, wie abhängig ich vom Funktionieren meiner Geräte bin.
Bisherige Erklärung: Die türkische SIM Card funktioniert nur eine Woche in einem nicht-türkischen Handy. Dann muss dieses registriert werden (Kosten 150 TL) oder sie muss in ein türkisches Handy eingesetzt werden.
Die Erklärung überzeugt mich nicht. Wieso hat man mir eine SIM Card verkauft, die einen Monat funktionieren soll, wenn sie dann nur eine Woche funktioniert?
Mal sehen, wie ich diese Diskussion führen kann. Wenn niemand Englisch spricht, dann kann ich sie überhaupt nicht führen sondern gestikuliere nur hilflos herum. Um solche Sachverhalte auszudrücken, werde ich auch nach zwei Jahren Türkisch-Lernen noch nicht in der Lage sein. Ich kann es ja nicht einmal in Deutsch exakt so formulieren, dass eine Verständigung möglich ist. Kennt ihr das auch: Ihr versucht über ein technisches Problem zu sprechen und findet nicht einmal die richtigen Worte, um es zu beschreiben?
Ich jedenfalls kenne diese Probleme nur zu gut, und jetzt haben sie mich auch in der Türkei eingeholt. Ich habe rückhaltlose Bewunderung für solche Zeitgenossen, deren Handy immer macht, was sie wollen. Sie vermitteln mir den Eindruck, ich gehöre zu einer anderen Welt, einer zurückgebliebenen, technisch rückständigen und ziemlich dummen Welt. Dabei will ich auch dazu gehören zu den erfolgreichen Technik-Beherschern, bei denen alles immer glatt geht, und bei denen sich jedes Problem lösen lässt.
Stattdessen schlug ich mich heute wieder mit dumpfer Verzweiflung herum, nur weil das blöde Handy nicht funktioniert. Immerhin hab ich mittlerweile das Vergnügen genossen, mit zwei türkischen Studentinnen einen Cafe zu trinken. Und das war natürlich Labsal für meine Seele. Die zwei wollen Deutsch Lernen, und ich hab mich ihnen forsch als Tandem-Partner angeboten. Natürlich sind wir letztlich beim Englischen gelandet, weil meine türkischen Sprachkenntnisse nicht wirklich als Grundlage für ein ernsthaftes Gespräch in Frage kommen, und die Deutsch-Kenntnisse der beiden zwar besser als meine Türkisch-Kenntnisse waren, aber wiederum den Englisch-Kenntnissen unterlegen. Englisch als Lingua Franca!
Es ist mit meinen Sprachkenntnissen nämlich so, dass ich mich mittlerweile innerhalb meiner Lernwelt ganz zufrieden fühle. Wenn ich in einem Buch oder in meinem Online-Sprachkurs "Babbel" irgendwelche Übungen mache, dann bin ich mit meinen Lernfortschritten ganz zufrieden. Nur, wenn ich diese Kenntnisse dann in der Praxis - also auf der Strasse - einsetzen will, dann steh ich wieder wie der Ochs vor dem Berge. Und ich hasse dieses Gefühl!!
Oyjoyjoy, man braucht so viel Geduld beim Sprache Lernen!!
Nun mal wieder zurück zu meinen Erlebnissen in Ankara. Hab ich schon berichtet, dass sich die Türken an der Bushaltestelle so wie die Engländer diszipliniert in eine Reihe stellen? Hätt ich gar nicht erwartet von diesem Volk, das doch im Strassenverkehr ansonsten jede Disziplin vermissen lässt. Gestern hörte ich, wie sich ein Fahrgast im Bus lauthals darüber beschwerte, dass er nachts den doppelten Tarif bezahlen muss. Er drohte damit, dass bald schon die Sozialisten dieser Ausbeutung ein Ende bereiten würden. Hatte ich schon gesagt, dass die Spannungen auf der Strasse durchaus spürbar sind?
Ankara ist eine hässliche Stadt! Heute hab ich einmal einen anderen Bus als den gewohnten genommen, auf die vage Versprechung des Busfahrers hin, dass dieser auch nach Kizilay fahren würde, dort, wo ich hinwollte. Also fuhr ich fast eine Stunde lang durch lauter Neubauviertel, eins hässlicher, als das andere und konnte dabei ganz andere Teile der Stadt kennenlernen.
Natürlich kann man sagen, dass es einen enormen Fortschritt darstellt, wenn die ständig wachsende Bevölkerung von Ankara mit einem Wohnungsbauprogramm beglückt wird, welches den armen Zuwanderern aus Ostanatolien, die in Gececondos untergekommen sind, moderne Wohnungen mit Strom und fließendem Wasser in Mietsblöcken beschert. Aber ist es wirklich ein Fortschritt, wenn diese in aller Eile hochgezogenen Stadtviertel schon nach wenigen Jahren von Menschen überquellen und an Hässlichkeit nicht zu überbieten sind?
In diesen Vierteln fehlt es an Grünflächen, Erholungsräumen, kurz an Lebensqualität. Sie bieten lediglich unterkünfte. Wird das in der Zukunft genug sein für die Menschen mit ihren wachsenden Bedürfnissen? Oder wachsen da nur neue Formen von Elendquartieren heran, die bald die gleichen Probleme aufweisen werden, wie sie auch heute schon vorhanden sind?
Hatte ich schon über Gecekondos gesprochen? Der Koran enthält eine Bestimmung, nach der ein Haus nicht abgerissen werden darf, sofern es nur einen Tag gestanden ist und ein Dach aufweist.
Das bedeutet, dass sich die anatolische Landbevölkerung in ganzen Dorfgemeinschaften auf den Weg in die Städte macht, um dort ihr Glück zu finden. Man nimmt das nötige Werkzeug mit, und schon sind über Nacht Hütten aufgebaut und mit einem Dach versehen, die dann von der Stadtverwaltung nicht mehr abgerissen werden dürfen.
Auf diese Bevölkerung hat die Partei Erdogans, die AKP, ihren Wahlsieg aufgebaut. Diese Armen werden von der Stadtverwaltung regelrecht durchgefüttert, damit sie sich dann bei den Wahlen der helfenden Hand erkenntlich zeigen. Während meiner Busfahrt hatten die Hälfte der Fahrgäste den normalen Fahrpreis, etwa zwei TL (0,70 €) zu entrichten, die andere Hälfte fuhr aufgrund eines Invalidenausweises umsonst mit. Alle älteren, oder in irgendeiner Hinsicht gehandicapten Menschen haben so einen Ausweis. Einerseits gut, weil sozial gedacht, andererseits werden solche Subventionern mit den Steuergeldern der westlich orientierten Mittelschicht bezahlt, die sich über ihre verringernden Aufstiegschancen bitter beklagt. Wer in der Türkei etwas werden will, muss der AKP nahestehen, bestechlich sein oder ins Ausland gehen. Arbeit allein genügt nicht, so meint Ali, mein fachkundiger Gesprächspartner in diesen Dingen.
Bei meiner kleinen Stadtrundfahrt stellte ich fest, wie hässlich Ankara ist. Alle Stadtteile im Außenbereich sind gleich. In der Innenstadt gibt es nur das überfüllte Kizilay oder die Altstadt Ulus, die manche Baufälligkeit aufweist. Schöne Stellen sucht der nach Erholung lechzende Tourist vergebens. Kaum ein Baum weist diese städtische Einöde auf, nur Unmengen von Autos, Bussen, Fussgängern - und dazwischen ein einsamer Radfahrer, der sich traumwandlerisch durch dieses Gewühl bewegt. Das bin ich!
Aber jetzt sitze ich schon seit sieben Stunden in der Bibliothek des Goethe-Instituts, die keine Klima-Anlage hat und deshalb durch die Glasfenster völlig aufgeheizt ist. Ich schätze 30 Grad Innentemperatur. Draußen hatten wir heute 27 Grad. Der Regen hat kaum Abkühlung gebracht.
So, jetzt beschließe ich meine Ausführungen. Das Blog Schreiben verschafft mir etwas Abwechslung im Einerlei des Ankara-Sprachaufenthalts. Also bis demnächst mal wieder ....

Fettah Can und Unruhe in Ankara

26. Mai 2014

ahe, das war toll! Am Samstag war ich im Jolly Joker in einem Konzert der Popgruppe Fettah Can. Allein hätte ich es nie geschafft, so was zu organisieren. Aber da ich in meiner Sprachklasse zufällig daneben sass, als die Polin Marta die Holländerin Lieke fragte, ob sie Lust habe, mit ihr in ein Konzert zu gehen, kam ich auch in den Genuss einer Eintrittskarte und hatte das Vergnügen, gleich zwei Damen in Ankara auszuführen.
Wir trefen uns beim Karum, einem Einkaufszentrum in Cankaya und gingen vorher noch in eine Tapasbar, bevior wir um 21.30 Uhr im Jolly Joker aufkreuzten. Konzertbeginn war um 22 Uhr, also noch ein bisschen Zeit, sich die Lokation anzuschauen. Jede Menge Leute, eigentlich alle jünger als ich, aber mit geschwellter Brust sagte ich mir, dass ich doch nicht ganz so arg aus der Menge herausstach. meine Begleiterinnen waren ja auch keine Backfische mehr!! Über ihr Alter werd ich hier natürlich nichts verraten!!!
Einziger Haken an der Sache: Die Eintrittskarte beinhaltete keinen Sitzplatz, sondern nur einen Stehplatz. Den wählte ich mir zwar an der Theke, an der ich mich mit dem Rücken anlehnen konnte, aber es war trotzdem eine Riesen-Anstrengung, dort fast zwei Stunden zu verharran bis zur Pause. Denn Fettah Can hatte natürlich mit dem Konzert erst um kurz vor 23 Uhr angefangen. Meine Knie hatten mir schon vorher zugeflüstert, dass sie klassische Konzerte mit Sitzplatzreservierung bevorzugen.
Da nützte es auch nicht viel, dass ich von Musik und Performance der Gruppe rundweg begeistert war. Vettah Can erwies sich als genialer Entertainer mit guter Stimme und komödiantischen Erzähleinlagen, mit denen er sein Publikum immer wieder zum Lachen brachte. Zwar verstand ich nicht, worüber gelacht wurde, aber es war natürlich trotzdem lustig!!
Singen musste er auch nicht viel, weil sein Publikum jeden Song genau kannte und lauthals mitsang. Fast war es ein Abend mit Chorgesang. Musikalisch bot die Kombo zwei Mann am Rhythmus, einen Keyboarder, einen Saxofonisten, einen Bass- und einen Rhythmusgitarristen auf. Fettah Can spielte selber die Melodiegitarre. Dazu eine gigantische Lightshow. Was wollte das jugendliche Herz mehr? Nur, wie gesagt, die Knie wollten einen Sitzplatz. So suchte ich in der Pause das Weite und liess meine beiden Mädels allein beim Schwoofen glücklich werden. Noch manch bitteren Gedanken hatte ich über das Älterwerden und kranke Knie im Besonderen vor dem Einschlafen. Aber dann fand ich doch meine Ruhe und freute mich auf den Sonntag.
Denn am Sonntag war ich entschlossen, mich dem Herd der Unruhe in Ankara dadurch anzunähern, dass ich zur Demonstration auf dem Kizilay Meydan ging.
Die ganze Woche hatte ich schon im Fernsehen unzählige Berichte und Diskussionen über Demonstrationen und Unruhen in der Türkei gesehen, hatte auch mit Ali Hasay schon manche heisse Diskussion bestritten, nun wollte ich - aus sicherer Entfernung - selbst einmal miterleben, wie türkische Unruhe so aussieht.
Am Freitag abend im Bus hatte ich schon einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Der Bus, der uns am Abend nach Hause brachte, musste eine Umleitung nehmen, weil die direkte Verbindung wegen einer Demonstration gesperrt war. Einer der Mitreisenden beklagte sich lauthals über die Vandalen, die alles kaputtmachen und mit ihren Demonstrationen friedliche Bürger belästigen. Sofort widersprach ihm ebenso laut mein Nachbar, der mir dabei unentwegt ins Ohr schrie, weil er sich ja schließlich zu dem anderen umdrehen musste. Andere Reisende mischten sich in die Diskussion ein, auch Ali Hashay sprach ein gewichtiges Wort. Ich konnte natürlich nichts von alledem verstehen, liess mir die Situation aber hinterher von Ali Hashay erklären. Der meinte, dass es eine Schlägerei gegeben hätte, wenn die Mehrheit im Bus nicht zugunsten der Demonstranten Partei ergriffen hätten. Die Schläger von Erdogan scheinen überall präsent zu sein.
Als ich am Sonntag um eins zum Meydan kam, hatte sich dort schon eine Menschenmenge von ca. 200 Personen versammelt, die im Laufe des Geschehens auf ca. 800 Personen anwuchs. Polizei war nicht zu sehen. Obwohl der Kizilay Meydan der zentrale Platz in Ankara ist, wurde kein Verkehr blockiert. Die Kundgebeung verlief vollkommen friedlich. Auf einem Lautsprecherwagen standen zwei Redner, die immer wieder von Sprechchören der Anwesenden unterstützt wurden. Die Texte der Parolen waren allen - außer mir - wohlbekannt, ein Zeichen dafür, dass dies nicht die erste Demonstration dieser Art war. Ein Großteil der Anwesenden hatte sich mit Fahnen ausgerüstet, auf denen die unterschiedlichsten Gruppen ihre Farben und Parolen untergebracht hatten. Es gab ML-Gruppen - Che Guevarra war auch vertreten - meist in den Farben "rot" und "orange", aber es gab auch die Fraben "blau" und "weiß" von Gruppen der Hochschule mit dem Namen "Kolektif" und anderen. Es war eine bunte Mischung, die Stimmung war friedlich, und nach der Kundgebung verstreute sich alles wieder, ohne dass es zu irgendwelchen Zwischenfällen gekommen war. Ich war natürlich froh darüber, hatte ich doch in keiner Weise an internen türkischen Streitigkeiten teilnehmen wollen.
Es war für mich ein Erlebnis. Ich erinnerte mich an meine studentenbewegten Zeiten in den siebziger Jahren in Freiburg und überzeugte mich davon, dass das Wesen dieses türkischen Protestes friedlich war. Keine Vermummten oder bewaffneten Demonstranten, keine Schlagwaffen oder Wurfgeschosse. Wenn es bei solchen Kundgebungen zu Gewalt kommt, scheint mir dies nach diesem Erlebnis eher eine Folge des brutalen Vorgehens der Polizei zu sein. Aber natürlich kann ich das nicht wirklich beurteilen .......

Türkisch Lernen in Ankara

22. Mai 2014

..... hab also gestern meinen ersten Termin an der Sprachschule in Ankara gehabt. Izme, meine Lehrerin, ist freundlich, die anderen klassenkameradInnen für mich eine gute Möglichkeit, mich nicht so verloren zu fühlen in der 5 Millionen Metropole Ankara. Zuerst hatte ich ja geargwöhnt, bei der Sprachenschule TAD (Türkisch-Amerikanische Freundschayft)handele es sich um ein verkapptes Unternehmen des Amerikanischen Geheimdienstes. Aber nun fühlt sich alles ganz harmlos an.
Es gibt ein ausgezeichnetes kleines Cafe mit wunderbarem Browning-Kuchen und WiFi Zugang. (Jetzt sitze ich im Goethe-Institut und nutze kostenlos den dortigen Computer.) George, ein Englisch-Lehrer ist sehr nett, meine KlassenkollegInnen stammen aus Holland, Polen, Deutschland, Frankreich und England und können zu meiner großen Freude nicht besser Türkisch als ich, obwohl sie doch schon eine Zeitlang den Kurs genossen haben und außerdem fest hier in Ankara beheimatet sind.
Marta, eine Polin,arbeitet seit zwei Monaten am Konsulat. Die anderen sind irgendwie bei EU-Projekten beteiligt. Ich werde es noch herauskriegen. Am Samstag gehe ich mit einigen Klassenmitgliedern in ein türkisches Konzert und freu mich schon drauf.
Meine türkischen Sprachkenntnisse machen Fortschritte. Wenngleich natürlich das Sprechen das Problem ist. Immerhin, die Sprache kommt mir nicht mehr ganz so fremd vor wie anfangs. Sie ist in ihrem Aufbau ganz unterschiedlich zu allen Sprachen, die ich kenne. Es gibt in der Grammatik keine Geschlechter und kein bestimmtes Pronomen. Alle Wörter werden in einer langen Kette aneinandergereiht, so dass sich solche Bandwurm-Begriffe ergeben wie Görüsürüz (See you later) oder anlamiyorum (Ich verstehe nicht) oder andere noch viel längere Wörter.
Ich kann immerhin in der Familie schon kleine Sätze bilden, wie "Turkce ögrenmek istiyorum" - "Ich möchte Türkisch lernen", und so bin ich eigentlich schon ganz zufrieden. Zumal sich auf der Strasse immer wieder Leute finden, die Deutsch sprechen oder Englisch.
Gestern bin ich zur Zitadelle spaziert und hab mich oben ein wenig herumgetrieben. Schon kam ich ins Gespräch mit drei türkischen Herren, von denen einer sogar schon in Lörrach gewesen war.
Später ass ich in einem kleinen Strassenimbiss Köfte. Der freundliche Besitzer, der kein Deutsch oder Englisch beherrschte, schrieb mir beim Abschied auf einen Zettel "Kurani kerim okisyunuz", was soviel bedeutet wie "Studieren Sie den Koran!". ich hab mich natürlich ganz unwissend gestellt, um dem Bekehrungsversuch möglichst bald zu entkommen.
Heute war ich beim Atatürk Mausoleum. Sowas hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Hier wird dem Staatsgründer eine Ehre zuteil, wie es ansonsten nur den Pharaonen und der Geliebten des indischen Sultans im Taj Mahal zuteil wurde. Eine Anlage von gigantischer Größe, die einen ganzen Hügel überthront, bewacht von Soldaten, die wie aus Stein gehauen Wache stehen und beschriftet mit dem letzten Aufruf, den Atatürk kurz vor seinem Tod der Armee widmete. Darin verpflichtet er die Armee, dem Gedanken eines säkularen und modern-westlich orientierten Vaterlandes die Treue zu halte. Was sie auch tut, hat es doch schon Staatsstreiche gegeben um dieses Erbe von Atatürk zu retten.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich auch hier in Ankara mit dem Fahrrad unterwegs bin? Es war gar nicht so einfach, das Riesenpaket vom Flughafen zur Wohnung zu schleppen. Wir brauchten ein Spezialtaxi dafür. Dann baute ich es am nächsten Tag zusammen - war auch nicht ganz so einfach, wie gedacht - und jetzt düse ich seit vier Tagen mit dem Fahrrad durch die Gegend. Meine erste Tour führte mich zu IKEA. Kaum zu glauben, was? Aber nicht weit von meiner Wohnung in Mamak liegt ein Riesen-Einkaufscenter mit Ikea, und dort unternahm ich meine ersten selbstständigen Gehversuche im Türkischen. Ich schaffte es sogar, mir eine türkische SIM Card zu kaufen, mit der ich relativ kostengünstig telefonieren und sogar im Internet surfen kann.
Am nächsten Tag fuhr ich dann gegen das Anraten meiner Familie mit dem Fahrrad in die Stadt. Es sind ca. 12km, meist bergab und abends dann wieder hinauf. Immer entlang einer Hauptverkehrsstrasse mitten in Abgasen, Lärm und umgeben von Autofahrern, die so etwas komisches wie ein Fahrrad wohl noch nie gesehen haben. Anders ist nicht zu erklären, dass sie einfach überhaupt keine Rücksicht auf das schwächere Verkehrsmitglied nehmen. Mehrfach bog direkt vor mir jemand so nach rechts ab, dass nur meine Vollbremsung einen Zusammenprtall verhindern konnte. Nun ja, ich bin ja in dieser Hinsicht nicht sehr schreckhaft. Am ersten Tag sah ich genau 9 (neun) Fahrräder, während ich durch die ganze Stadt gondelte. Jetzt nach weiteren zwei Tagen hat sich die Zahl auf etwa 20 erhöht. Zwanzig Fahrräder in drei Tagen während ca. 15 Stunden unterwegs sein ist nicht viel, nicht wahr?
Ich habe mein Fahrrad jetzt bei Erisan im Stadtbüro eingestellt. So kann ich morgens mit dem Bus in die Stadt fahren und dann zur weiteren Fortbewegung das Fahrrad nehmen.
Ich sage euch, ich bin bis jetzt mit meinem Ankara Aufenthalt rundum zufrieden. Benim cok iyiyim! Görüsürüz